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„Love wins“: Rob Bell legt den Finger in die Wunde

Nachdem ich Love wins – A Book About Heaven, Hell, and the Fate of Every Person Who Ever Lived, das neue und umstrittene Buch von Rob Bell gelesen habe, kann ich eins mit ziemlicher Sicherheit sagen: Das Buch wird große Beachtung erfahren – auch in Deutschland.

„Love wins“ wurde bereits vor seinem Erscheinen heftig kritisiert – angezettelt durch einige provokante Fragen im Promovideo zum Buch: Wird Ghandi in der Hölle schmoren? Und überhaupt: Kann das ein liebender Gott sein, der den Großteil der von ihm erschaffenen Menschen ewige Qualen erleiden lässt, weil sie nicht das richtige geglaubt, gesagt, getan haben? Oder denen einfach niemand von der Liebe Gottes erzählt hat?  Ist das wirklich der Gott, den uns die Bibel vorstellt? Der Gott, der alles tut, um das eine verlorene Schaf zu finden? Der seinem Sohn, der alles falsch gemacht hat, voll Freude entgegen rennt und nichts von dessen Entschuldigungsgestammel hören will?

Fromme Sprachlosigkeit

Rob Bell legt den Finger in diese Wunde der Sprachlosigkeit unzähliger Christen, wenn sie erklären sollen, warum der Gott der Liebe Menschen für ewig bestraft, weil sie in ihrem begrenzten Leben eine falsche Entscheidung getroffen haben.

Rob Bell ist fromm erzogen und zutiefst überzeugter Christ, er kennt die theologischen Bemühungen, Jesu Botschaft vom liebenden Vater mit dem Bild eines ewig zornigen Gottes in Einklang zu bringen. Er kennt die angestrengten Erklärungsversuche, warum ein liebender Gott sich durch den Tod seines eigenen Sohnes versöhnen lassen soll – und was das mit der individuellen Schuld von uns allen zu tun hat. Er kennt die fragenden Blicke unserer Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen, wenn wir ihnen all das versuchen zu erklären. Und er kennt unsere Enttäuschung, wenn sie sich nicht angesichts dieser „Frohen Botschaft“ auf der Stelle bekehren.

Frohe Botschaft? Was genau ist daran eigentlich froh machend, wenn man der Überzeugung ist, dass Milliarden von Menschen endlose Qualen oder den ewigen Tod erleiden müssen und nur eine klägliche Anzahl von Individuen davor gerettet wird?

Unbequeme Fragen

Rob Bell stellt unangenehme, provokante Fragen, die man bisher meist nur verschämt in anonymen Internetforen lesen konnte. Der Pastor aus Michigan aber stellt diese Fragen ganz offen, unumwunden und konfrontativ.

Auf viele wirkt das verstörend, auf andere befreiend. Was das Buch denn auch vor allem leistet ist eine Enttabuisierung dieser gewissen Erklärungsnot rund um das, was wir von Kind auf in Glaubenssätzen gelernt haben; Sätze, die wir alle im Schlaf rezitieren können, die für viele von uns aber zu leeren Floskeln geworden sind, auch wenn wir uns (noch) mit Inbrunst in unseren Gemeinden engagieren. Aber mehr und mehr Christen spüren eine Art geistliche Leere und Desorientierung, weil sie ahnen, dass ihre eigene Glaubensüberzeugung lediglich anerzogen ist, wackelig und ungeerdet, dass sie nicht wirklich trägt. Oder zumindest sie selbst nicht mehr hundertprozentig überzeugt. Und ihre nichtchristlichen Freunde schon gar nicht.

Der Kern des Evangeliums

„Love wins“ ist nach McLarens „A new kind of Christianity“ das nächste große Buch aus frommer Feder, das auf biblischem Boden mit althergebrachten Glaubenskonstruktionen aufräumen will. Eine wichtige Nuance dabei ist: Autoren wie Bell und McLaren hinterfragen nicht die biblische Botschaft, sondern fragen: Ist das, was wir landläufig verkünden, wirklich die biblische Botschaft?

Natürlich rüttelt man mit solchen Fragen an den Grundfesten unserer Glaubensüberzeugungen, tut das aber mit dem Ziel, den Kern des Glaubens (wieder) zu befreien von all dem, was sich in Jahrzehnten und Jahrhunderten als Schale darum entwickelt hat – oft genug so, dass der Kern bis zur Unkenntlichkeit verfälscht war. Martin Luther hat das Christentum in dieser Situation angetroffen, hat gegen all die theologischen (und weltlichen) Auswüchse angekämpft, hat das Evangelium wieder frei gelegt und Gottes Gnade wieder ins rechte Licht gerückt.

Insofern stehen herausfordernde Menschen wie Rob Bell sicher in einer gewissen Tradition mit den Reformatoren, die zu Lebzeiten übrigens ebenfalls hoch umstritten waren.

Grobe Pinselstriche

Für solch eine Arbeit ist allerdings eine sehr saubere Argumentation erforderlich, und genau das ist leider ein Schwachpunkt des  Buches. Rob Bell bringt das Thema zwar in seiner bekannt lyrisch-pointierten Art auf den Boden zurück. Was versteht die Bibel eigentlich unter Himmel? Und unter Hölle? Welche Vorstellungswelten taten sich für die damaligen Zuhörer auf, wenn sie die Begriffe aus dem Mund Jesu hörten? Oder bei den Propheten lasen? Er spannt die Heilsgeschichte Gottes mit dem Volks Israel auf und zeigt in vielen Beispielen, dass Strafe bei Gott immer einen Zweck hat – und selten endgültig ist.

Aber seine Art und Weise, sich Themen zu nähern, bringt auch eine gewisse Ungenauigkeit mit sich, die Kritikern viel Raum zum Angriff lässt. Er bringt gute, überraschende Gedanken zu vielen Aspekten, aber er pflügt die Erde nur oberflächlich auf, ohne das Thema wirklich umfassend umzugraben. Auf viele der aufgeworfenen Fragen bleibt er eine Antwort schuldig – und liefert oft nicht einmal eine Perspektive.

Dazu kommt, dass er seine Argumentationslinie mit großen Pinselstrichen zeichnet. Unbefriedigende Details und die ein oder andere Ungereimtheit nimmt er dabei mit einer gewissen Nonchalance in Kauf. Das ist schade, lässt es doch bei all den guten Denkanstößen eine gewisse Unzufriedenheit beim Leser zurück.

Trotzdem – oder gerade weil das Buch keine wissenschaftliche Abhandlung ist – hat das Buch Potential, dieses wichtige Thema auf die Tagesordnung in unseren Gemeinden zu bringen. Mit seiner warmherzigen, lyrischen und überzeugenden Art wird Rob Bell wieder schnell das Herz seiner Leser erobern. Kaum ein Pastor und Jugendmitarbeiter hierzulande wird es sich leisten können, das Buch zu ignorieren, wenn es erstmal auf Deutsch erschienen ist.

So viel ist sicher: Rob Bell argumentiert bewegend und überzeugend. Und viele scheinbare innerbiblische Spannungen lösen sich mit seinem Ansatz auf. Jeder wird sich sein eigenes Urteil bilden müssen über den Inhalt, den von Rob Bell vorgeschlagenen Entwurf von Evangelium, über die Frage nach dem Himmel, der Hölle und dem Schicksal jedes Menschen, der je gelebt hat. Im besten Falle wird eine neue, offene Diskussion angestoßen, in der es keine Fragen gibt, die man nicht stellen darf.

Rob Bell – ein Allversöhner?

Rob Bell wird seit dem Erscheinen des Promovideos bei jedem Interview gefragt, ob man ihn nun in die Kategorie der „Allversöhnung“ einordnen solle. Nach der Lektüre des Buches würde ich sagen: Nein, man sollte ihn nicht dort einordnen, weil solche Schlagworte nur dazu dienen, Feindbilder aufzubauen. Und es würde Rob Bell auch nicht gerecht. All die Gedanken in „Love wins“ sind nicht neu, wie Rob Bell auch ganz zu Anfang betont. Aber die Art, sie zu betrachten, ist neu und die Fragen, die er stellt, sind wichtig, weil es die Fragen sind, die sich fast alle Menschen stellen, denen wir die heute vor allem in evangelikalen Kreisen übliche Lesart der Frohen Botschaft erzählen. Wenn wir keine wirklich überzeugenden Antworten darauf haben, müssen wir schwer daran arbeiten, eben solche zu finden.

Kann allerdings schon sein, dass wir dann auch ein paar Dinge in anderem Lichte sehen. Und ein paar Sachen revidieren müssen. Reformation, eben.

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Eingeordnet unter Fromme(s), Textlänge: gut zu lesen, Wir alle

Medien & Japan: Die gedruckte Dekadenz

Diese beiden Zeitschriften gibt es diese Woche neu am Kiosk – das Titelthema von Focus Money wirkt neben den Bildern der Zerstörung und des Leids wie ein dekadenter Fehlgriff der allererster Güte: 😦

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